00:01
Ein mysteriöser Zettel an einer Windschutzscheibe. Ein Mann, der ein Flugzeug besteigt. Und ein unheimlicher Treffpunkt auf einem Friedhof. Heute bei Spurlos. Liebe Sylvie, hallo. Hallo, liebe Julia. Hallo.
00:30
Silvi, heute geht es ja um einen besonders mysteriösen Cold Case, der dann eine fast unfassbare Entwicklung nimmt, würde ich sagen, dieser Fall, oder? Hat dich lange schon im Vorfeld beschäftigt.
00:48
Und alles beginnt ja, wie es so oft ist in so einem Fall, ganz normal.
00:54
Keiner ahnt, was kommen wird. Genau, ein Familienvater verschwindet spurlos und es gibt keine warnenden Vorzeichen, keine Zeugen und auch keine Erklärung. Und ja, heute geht es um eine Geschichte, die auch noch gar nicht so lange zurückliegt.
01:11
Ein Flughafen in Deutschland im Jahr 2020. In der Abflughalle herrscht reges Treiben. Reisende bewegen sich mit Koffern und Handgepäck durch das Terminal. Kinder lachen aufgeregt, während ihre Eltern hektisch Reisepässe, Bordkarten und Reiseunterlagen bereithalten. Andere Passagiere warten geduldig vor den Check-in-Schaltern oder verfolgen aufmerksam die elektronischen Anzeigetafeln mit den aktuellen Informationen zu Abflugzeiten und möglichen Verspätungen.
01:41
Immer wieder sind in der Halle Lautsprecherdurchsagen zu hören, zunächst auf Deutsch, unmittelbar darauf auf Englisch. Sie informieren über Boardingzeiten, Gateänderungen oder bitten einzelne Passagiere, sich unverzüglich an einem Service-Schalter zu melden.
01:59
Ein Mann betritt die Abflughalle. Er zieht einen schwarzen Rollkoffer hinter sich her. Er bleibt vor der großen Anzeigetafel stehen und sucht nach seiner Flugnummer. Als er sie gefunden hat, nickt er. Der Flug ist pünktlich. Boarding in einer knappen Stunde.
02:16
Er überprüft noch einmal sein Smartphone, liest eine kurze Nachricht und steckt das Gerät wieder in die Jackentasche. Danach geht er zum Schalter seiner Fluggesellschaft. Nichts an diesem Mann ist auffällig. Er wirkt wie ein ganz normaler Reisender unter vielen anderen.
02:32
Vor dem Check-in hat sich bereits eine Schlange gebildet. Mitarbeiter nehmen Gepäck entgegen, prüfen Ausweise und Bordkarten, kleben Gepäckanhänger an die Koffer und legen sie dann auf die Förderbänder. Der Mann erledigt am Schalter alles und geht dann weiter zur Sicherheitskontrolle. Er legt Jacke, Gürtel, Laptop und Tasche in graue Kunststoffwannen. Dann tritt er durch den Metalldetektor. Ein kurzes Nicken des Sicherheitspersonals, keine Auffälligkeiten.
03:00
Wenige Sekunden später sammelt er seine Sachen wieder ein und setzt seinen Weg fort. Er kauft sich ein Kaffee, setzt sich in die Nähe seines Gates und blickt hinaus auf das Rollfeld. Ein Flugzeug hebt ab und verschwindet wenige Sekunden später zwischen den Wolken. Kurz darauf erscheint auf den Bildschirmen die Meldung Boarding. Der Mann wirft den Kaffeebecher in einen Papierkorb und stellt sich in die Schlange. Gleich wird er im Flugzeug sitzen.
03:28
Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt. Einige Monate später wird dieser Mann im Mittelpunkt eines Verbrechens stehen, das die Ermittlungsbehörden über Wochen hinweg beschäftigen wird. Denn schon bald verschwindet ein Mensch spurlos. Und zunächst scheint es keine Hinweise darauf zu geben, was mit diesem Menschen geschehen ist.
03:50
Erst als neue Erkenntnisse ans Licht kommen, nimmt der Fall eine dramatische Wendung. Plötzlich rückt ein Mann in den Fokus der Ermittler. Es ist derselbe Mann, der in diesem Moment das Flugzeug betritt. Freundlich wird er von zwei Flugbegleiterinnen begrüßt, bevor er sich auf den Weg zu seinem Sitzplatz macht.
04:10
Niemand an Bord kann zu diesem Zeitpunkt wissen, dass dieser unscheinbare Passagier nur wenige Monate später im Zentrum eines spektakulären Kriminalfalls stehen wird.
04:29
Wir springen vom Flughafen in einen kleinen Ort in der Nähe von Goslar in Niedersachsen. Hier lebt Carsten mit seiner Familie. Carsten ist 51 Jahre alt und seine Familie, das sind seine Ehefrau Katrin und zwei erwachsene Söhne. Die vier haben ein sehr, sehr gutes und inniges Verhältnis. Sie wohnen in einem kleinen Einfamilienhaus mit einem Garten dahinter.
04:50
Das sieht man schon daran, dass das anscheinend ein sehr inniges Verhältnis ist, dass die zwei erwachsenen Söhne auch beide noch zu Hause leben. Und viele können es ja gar nicht erwarten, bis sie weg sind von zu Hause. Genau, und sie verbringen auch viel Zeit.
05:02
Also die Söhne verbringen viel Zeit mit ihren Eltern und vor allem auch mit ihrem Vater, mit Carsten.
05:08
Carsten arbeitet als Hausmeister in Hannover. Dafür fährt er jeden Tag rund 80 Kilometer zur Arbeit und nach Feierabend die gleiche Strecke wieder zurück nach Hause. Boah, das ist lang. Viele beschreiben ihn als freundlich, als offen und sehr hilfsbereit. Er ist jemand, mit dem man gut ins Gespräch kommt und auf den man sich verlassen kann.
05:29
Es ist der 5. November 2020, ein Donnerstag. Für Carsten beginnt der Tag wie üblich sehr früh. Er muss eine Stunde Fahrzeit einplanen, um zu seinem Arbeitsplatz in Hannover zu kommen. Deshalb steht er immer schon gegen 4.30 Uhr auf. Während der Rest der Familie noch schläft, macht er sich fertig und geht dann in die Küche.
05:50
Carsten beginnt den Tag immer nach demselben Muster. Er hat eine feste Morgenroutine. Man kann sicher sagen, er ist ein Gewohnheitsmensch. Carsten lässt erst die Familienkatze in den Garten und bereitet sich dann wie immer sein Frühstück zu.
06:05
Er isst an diesem Tag, an diesem 5. November, wie immer, sein Toastbrot. Dann nimmt er seine Sachen, also seine Tasche, seinen Schlüssel und sein Handy und geht hinaus zu seinem Auto, einem blauen VW Caddy, um sich auf den Weg nach Hannover zu machen.
06:22
Doch als er gerade in sein Fahrzeug einsteigen will, fällt ihm etwas Ungewöhnliches auf. Unter dem Scheibenwischer an der Windschutzscheibe steckt ein Brief. Jemand muss ihn in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden dort hinterlassen haben. Carsten zieht diesen Brief hervor und beginnt zu lesen. Hier ist ein Auszug daraus.
06:42
Mit Schrecken musste ich sehen, wie ihre Frau sie mit einem anderen Mann in eindeutiger Situation hintergeht. Ich konnte mit meinem Herrn die Fotos von dieser Verfehlung machen. Ich denke, dass sie daran sehr interessiert sind.
06:55
Dieser Brief wurde offensichtlich am Computer geschrieben und dann auf einem DIN A4-Blatt ausgedruckt. Der Absender fordert Carsten auf, am folgenden Tag, also am Freitag, um 18.30 Uhr zu einem bestimmten Friedhof zu kommen. Und dort, auf diesem Friedhof, wird er einen Umschlag mit Fotos hinterlegen.
07:14
Auf diesen Fotos sollen Carstens Ehefrau und ihr vermeintlicher Liebhaber zu sehen sein. Für den Fall, dass Carsten an diesem Tag, also am Freitag, keine Zeit haben sollte, nennt der Verfasser des Briefes auch noch mehrere Ausweichtermine.
07:27
Carsten findet in diesem Brief auch eine Handynummer. Über diese Nummer, so schreibt der Absender, könnte Carsten ihn erreichen, um das Treffen abzusprechen. Das ist ja sehr ungewöhnlich.
07:37
Zum einen finde ich es eh einen ungewöhnlichen Tagesbeginn. Ich finde es auch ein bisschen komisch geschrieben. Mit Schrecken musste ich sehen, wie ihre Frau, also ich finde es irgendwie komisch.
07:46
Dazu passt auch dieses Treffen auf dem Friedhof. Also was ist das für eine Idee?
07:50
Also jetzt im ersten Moment, wenn ich noch nichts wüsste von der Geschichte und würde das so hören, würde ich an so einen ganz komischen Kinderscherz denken.
07:59
Ja, es klingt nach einem Scherz.
08:01
Oder so eine Folge aus TKKG. So klingt das ein bisschen, oder? Was wissen wir darüber, wie Carsten sich dann damit erstmal verhalten hat?
08:09
Was ist da bekannt? Carsten ist erstmal zur Arbeit gefahren und wir wissen, dass er erstmal niemandem von diesem Brief erzählt hat. Ich vermute, er hat es auch gar nicht ernst genommen. Hätte ich wahrscheinlich auch nicht. Der Verfasser gibt sich ja nicht zu erkennen. Nein, das Schreiben ist anonym verfasst. Es hält keinen Namen, keine Unterschrift oder irgendeinen Hinweis darauf, wer den Brief geschrieben haben könnte. Da ist nur diese Handynummer, die Carsten anschreiben soll, um den Termin auf dem Friedhof zu bestätigen.
08:39
Ja, und dann hat er ja anscheinend sozusagen seine Meinung geändert, weil er schreibt dann doch am nächsten Tag, das ist auch klar, er schreibt eine Nachricht an diese angegebene Handynummer, nur zwei Sätze.
08:54
Heute, 18.30 Uhr am Friedhof, bitte um zeitnahe Bestätigung, da ich auch planen muss.
09:01
Ja, und dieser Verfasser des Briefes antwortet Carsten auch prompt wieder per SMS und Carsten fährt später zum vereinbarten Zeitpunkt zum Friedhof. Es ist da schon dunkel, als Carsten das Friedhofsgelände betritt. Er sucht nach der Stelle, die ihm dieser anonyme Verfasser des Briefes beschrieben hat. Und tatsächlich liegt dort ein Umschlag, genau wie angekündigt. Es scheint also alles so zu sein, wie der Plan das da vorgesehen hat. Carsten öffnet diesen Umschlag, doch statt der versprochenen Fotos findet er darin gar nichts.
09:35
Der Umschlag ist leer, also es gibt keine Bilder, keinen Brief, keine Erklärung.
09:41
Passt jetzt so zu meinem etwas flapsigen Vergleich mit einer TKKG-Folge, also mit irgendeiner Detektiv-Kindergeschichte-Folge. Es hat sich irgendjemand einen geschmacklosen Scherz erlaubt, denkt man da. Vielleicht wollte jemand Carsten ein bisschen verunsichern oder erschrecken.
09:59
Auch ein bisschen für Unruhe sorgen vielleicht. Keine Ahnung. Jemand, der ihm vielleicht nicht wohlgesonnen ist oder der Frau. Allein dieser Übergabeort, wie du ja auch sagst, der Friedhof, das ist alles sehr befremdlich. Alles so ein bisschen, finde ich, inszeniert so auf Gefahr. Krampf mysteriös. Ja. Weißt du?
10:18
Ja, sehr bemüht. Genau. Als Carsten den Friedhof kurz darauf wieder verlassen will, fällt ihm ein Kleinwagen auf, der gerade vom Gelände wegfährt.
10:27
Genau, und das alles wissen wir ja, weil er das später alles dann doch auch seiner Frau erzählt.
10:35
Wie dieses Gespräch genau abgelaufen ist, wissen wir nicht.
10:39
Aber fest steht, dass Carstens Ehefrau diese Vorwürfe aus dem Brief entschieden zurückgewiesen hat.
10:45
Stell dir mal vor, das sorgt ja für Unruhe in so einer Ehe. Da wird ja wirklich behauptet, es gibt da Fotos vom Fremdgehen und so. Und jetzt an diesem Punkt sieht man erstmal, da ist gar nichts dahinter. Da ist der Mann einfach nur zum Friedhof gelockt worden.
11:02
Kann ich mir vorstellen, wenn es nicht so ist, dass man da auch als Ehefrau ziemlich sauer reagiert. Absolut.
11:10
In der Folgezeit bleibt es dann ruhig. Carsten hört nichts mehr von diesem Mann oder der Frau, der ihn da zum Friedhof gelockt hat.
11:18
Erst vier Monate später, also am 19. März 2021, geschieht wieder etwas sehr Merkwürdiges. Carsten steht wie immer vor allen anderen im Haus auf und geht in die Küche, um sich sein Frühstück zuzubereiten. Er öffnet die Terrassentür, damit die Katze wie gewohnt in den Garten hinauslaufen kann.
11:35
Aber als Carsten hinaus auf die Terrasse blickt, entdeckt er etwas Ungewöhnliches. Die Gartenmöbel liegen kreuz und quer auf dem Boden. Mehrere Stühle sind umgestürzt und der Tisch steht schief, als hätte dort jemand mit Gewalt gewütet, also es sieht so aus, als hätte jemand in der Nacht die Terrasse verwüstet. Aber Carsten hat keine Zeit, die Gartenmöbel wieder aufzustellen, er ist schon spät dran und muss sich auf den Weg zur Arbeit machen. Deshalb lässt er alles unverändert und verlässt das Haus.
12:03
Unterwegs schreibt er seiner Frau eine kurze Nachricht. Darin berichtet er ihr von dem Chaos auf der Terrasse und bittet sie, später nachzusehen, was dort passiert sein könnte. Als seine Frau wenig später aufsteht, liest sie die Nachricht. Verwundert geht sie sofort hinaus in den Garten, um dort nach dem Rechten zu sehen. Zu ihrer Überraschung bietet sich ihr jedoch ein völlig anderes Bild. Was sie dort sieht, passt überhaupt nicht zu Carstens Nachricht.
12:30
Alle Gartenmöbel stehen wieder ordentlich an ihrem Platz. Die Stühle sind aufgestellt, der Tisch steht da, wo er hingehört. Und nichts deutet darauf hin, dass hier wenige Stunden zuvor angeblich ein heilloses Durcheinander geherrscht haben soll. Aber er hat es nicht wieder aufgeräumt, oder?
12:48
Nein, nein. Das ist ja komisch. Karsten musste das so hinterlassen, so durcheinander, weil er in Eile war. Er musste aufbrechen.
12:56
Also das klingt alles so komisch, ne? Wer soll denn jetzt da so früh gewesen sein, nur um ein paar Gartenmöbel, also erst zu verwüsten oder umzukippen und dann wieder hinzustellen? Also erst das Bauchgefühl, wenn man es bis hierhin hört, denkt man an irgendeinen seltsamen Nachbarn, finde ich.
13:13
Genau, jemanden, der ständig neue Streiche spielt.
13:16
Genau, und das ist ja schon fast mehr als Streich. Also ich überlege jetzt gerade, wenn ich in meinen Garten käme, ne? Und alles wäre jetzt nicht verwüstet im Sinne von zertrümmert, aber alle Stühle würden irgendwie wo liegen und der Tisch und so. Also ehrlich gesagt, glaube ich, würde ich sogar die Polizei rufen.
13:33
Weil ein Tier kann das, glaube ich, nicht gewähren. Also wir haben ja keine Pumas in Deutschland. Vor allem hätte das Tier nicht alles wieder zurückgeräumt.
13:40
Es ist ja alles ordentlich, als die Ehefrau auf dem Fenster sieht. Das ist natürlich komisch, wenn du dann die Polizei rufst und sagst, ja, hier war alles durcheinander und jetzt ist es wieder ordentlich. Also eine seltsame Geschichte klingt ja wie schlechte Streiche.
13:56
Es ist noch eine Kleinigkeit, total seltsam, denn einer von Carstens Söhnen findet zwei Tage nach diesem Vorfall mit den Gartenmöbeln einen kleinen Metallpfeil im Garten. Aber er misst diesem Fund erstmal keine große Bedeutung zu. Er nimmt den Pfeil und bewahrt ihn dann im Haus auf.
14:15
Hätte ich glaube ich schon anders reagiert, weiß ich jetzt nicht.
14:18
Es vergehen etwa vier Wochen. Vier Wochen, in denen nichts Auffälliges mehr geschieht. Dann, am 13. April 2021, ändert sich die Situation grundlegend. Wie immer kommen Carstens Ehefrau und die Söhne lange, nachdem Carsten schon Richtung Hannover aufgebrochen ist, in die Küche. Es ist inzwischen 6 Uhr morgens. Und alle wundern sich. Es wirkt, als habe Carsten das Haus völlig überstürzt und in große Hektik verlassen. Das Licht in der Küche brennt noch.
14:49
Auf der Arbeitsplatte liegt ein geschmiertes Toastbrot. Das ist ja immer Carstens Frühstück, das er normalerweise vor der Fahrt zur Arbeit noch hier in der Küche isst. Daneben befinden sich sein Mobiltelefon, sein Portemonnaie, seine Arbeitstasche und der Schlüssel von seiner Arbeitsstätte. All diese Dinge nimmt er normalerweise natürlich mit nach Hannover.
15:11
Von Carsten selbst fehlt jede Spur. Ein Blick auf die Straße vor dem Haus zeigt, der blaue VW-Caddy der Familie ist verschwunden. Offenbar ist Carsten also wie üblich mit dem Wagen losgefahren. Zumal sich sein Sohn erinnert und jetzt auch berichtet, dass er vor kurzer Zeit noch gehört hat, wie die Türe des Caddys zugeschlagen wurde. Also alles deutet darauf hin, dass Carsten das Haus in großer Eile verlassen hat und dabei sein Handy, sein Portemonnaie und seine Tasche vergessen hat.
15:37
Dann fällt der Familie aber noch etwas auf. Der Rucksack eines Sohnes fehlt ebenfalls.
15:44
Also das würde ja bedeuten, Carsten hat seine eigene Tasche in der Küche zurückgelassen, vor allem auch Portemonnaie und Handy, nimmt aber dafür den Rucksack seines Sohnes mit.
15:54
Und die Tasche von Carsten, die sah komplett anders aus als der Rucksack seines Sohnes. Also selbst in der größten Hektik hätte ihm auffallen müssen, dass er nicht seine eigene Tasche dabei hatte. Also darüber stolpert man schon sehr.
16:08
Alle gehen trotzdem zunächst davon aus, dass Carsten einfach in Eile war und deshalb sein Handy, sein Portemonnaie und seine Tasche vergessen hat. Sie wundern sich zwar darüber, machen sich aber zunächst keine Sorgen. Carsten meldet sich dann den ganzen Tag nicht bei der Familie.
16:25
Und das ist ja schon auch seltsam, weil er hätte ja irgendwie sich vergewissern können, ob seine Sachen zu Hause sind oder er hätte das irgendwie aufklären können. Du, ich war heute Morgen völlig durch den Wind, ich habe einen Rucksack von unserem Sohn mitgenommen, ich rufe jetzt vom Festnetz an, weil ich habe kein Handy dabei.
16:45
Alles sehr komisch.
16:46
Das ist schon seltsam genug. Aber es kommt noch etwas hinzu, das seine Familie zunehmend irritiert. Denn ausgerechnet an diesem Tag, an diesem 13. April, hat einer von Carstens Söhnen seine Führerscheinprüfung. Und für Carsten wäre es eigentlich selbstverständlich gewesen, sich im Laufe des Nachmittags zu melden, um kurz nachzufragen, wie diese Prüfung gelaufen ist. Er hätte auf jeden Fall wissen wollen, ob sein Sohn bestanden hat. Das ist allen klar.
17:11
Aber es kommt kein Anruf und dieses Verhalten passt überhaupt nicht zu Carsten.
17:17
Der ist nämlich ein Papa, der sich ganz viel Zeit nimmt für die Söhne und auch Zeit mit ihnen verbringt. Und so ein großes Ereignis wie eine Führerscheinprüfung, da hätte er natürlich mitgefiebert. Also anrufen kann ihn ja keiner, denn sein Handy liegt ja immer noch in der Küche zu Hause.
17:35
Als Carsten dann gegen Abend nicht zur gewohnten Zeit nach Hause zurückkommt und sich auch nach wie vor nicht gemeldet hat, werden seine Frau und seine Söhne nervös. Schließlich ruft Carstens Ehefrau bei seiner Arbeitsstelle in Hannover an. Dort erhält sie die beunruhigende Auskunft, dass Carsten an diesem Tag überhaupt nicht zur Arbeit erschienen ist. Niemand hat ihn gesehen und er hat sich auch nicht krank oder abgemeldet.
17:58
Kurze Zeit später steht dann auch noch Carstens bester Freund Martin vor der Haustür. Die beiden Männer waren für diesen Abend verabredet. Gemeinsam wollten sie eine Kleinigkeit zu Abendessen und anschließend Carstens Steuererklärung erledigen. Auch Martin ist überrascht, dass Carsten nicht zu Hause ist.
18:16
Gemeinsam überlegen alle, welche Erklärung es für Carstens Verschwinden geben könnte. Vielleicht hat er einen Unfall. Oder er ist aus einem anderen Grund in ein Krankenhaus eingeliefert worden und man hat dort übersehen, seine Angehörigen zu informieren. Um diese Möglichkeit auszuschließen, ruft Carstens Ehefrau nun nach und nach die umliegenden Krankenhäuser an. Dort überall erhält sie dieselbe Auskunft. Ein Patient namens Carsten M. wurde nicht aufgenommen.
18:46
Schließlich wählt sie den Notruf der Polizei und meldet ihren Mann als vermisst. Die Polizei nimmt die vermissten Anzeige auf, stuft den Fall zunächst jedoch nicht als akuten Notfall ein. Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine eindeutigen Hinweise auf eine Straftat oder eine konkrete Gefährdung.
19:03
Die Söhne durchsuchen in dieser Zeit das Haus, den Garten, die Terrasse und verschiedene Nebengebäude. Es ist schon dunkel. Trotzdem erkennen sie plötzlich draußen im Garten einen großen Blutfleck.
19:15
Ob das etwas zu bedeuten hat, weiß natürlich zu diesem Zeitpunkt niemand. Carstens Ehefrau wählt trotzdem noch einmal die Nummer der Polizei. Die Beamten kommen sofort vorbei.
19:26
Ja, was könnte es sonst für eine Erklärung geben? Es könnte von einem Tier stammendes Blut.
19:32
Also man muss sagen, Carsten ist ja am Morgen mit seinem Auto weggefahren. Er war ja seitdem gar nicht mehr zu Hause. Es ist für alle unwahrscheinlich, dass das Blut etwas mit ihm zu tun haben könnte.
19:42
Also die Situation wird immer seltsamer und ungewöhnlicher, das können wir festhalten.
19:48
Die Beamten sehen sich jetzt im Garten um und sichern Proben des Blutflecks. Die Spuren werden anschließend ins Labor geschickt, um zu klären, von wem das Blut stammt und ob es einen Zusammenhang mit Carstens Verschwinden gibt.
20:00
An diesem Abend durchsuchen Carstens Söhne sein Handy und sie stoßen auf einen seltsamen SMS-Verlauf. Die Nachrichten stammen von einer unbekannten Person, die behauptet, Beweise für eine angebliche Affäre seiner Frau zu besitzen. Der Absender hatte Carsten zu einem geheimnisvollen Treffen auf einem Friedhof gelockt und angekündigt, dort einen Umschlag mit Beweisfotos zu hinterlegen.
20:24
Die Mutter bestätigt diese Geschichte und erzählt dann auch von dem Vorfall. Carsten hatte sie im November 2020 darauf angesprochen. Er hatte ihr von dem anonymen Brief unter dem Scheibenwischer und auch von dem leeren Umschlag auf dem Friedhof erzählt. Und er hatte ihr von dem Verdacht berichtet, den der Unbekannte geäußert hatte, nämlich, dass sie eine außereheliche Affäre gehabt hätte.
20:49
Sie berichtet dann weiter, dass sie diese Anschuldigung entschieden zurückgewiesen hat und danach hatte sich dieser anonyme Absender nie mehr gemeldet.
20:58
Am folgenden Morgen gibt es immer noch kein Lebenszeichen von Carsten. Aber frühmorgens kommen Ermittler der Kriminalpolizei und die Spurensicherungen in das Haus seiner Familie. Die Beamten durchsuchen jetzt den Garten und die umliegende Umgebung, diesmal bei Tageslicht. Dabei entdecken die Einsatzkräfte ganz am Ende des Grundstücks eine Brille. Und diese Brille, daran gibt es gar keinen Zweifel, die gehört Carsten. Seine Familie kann das ganz eindeutig bestätigen.
21:25
Ja, und durch diesen Fund ändert sich die ganze Situation. Denn mit diesem Fund ist eines klar. Carsten ist nicht nur einfach verschwunden. Er hat aller Wahrscheinlichkeit nach sein Grundstück schwer verletzt und nicht aus freien Stücken verlassen. Denn Carsten kann nicht mit seinem Wagen weggefahren sein. Ohne diese Brille ist er stark eingeschränkt und er könnte auf gar keinen Fall Auto fahren. Besonders beunruhigend ist außerdem, dass die Brille mit Blut verschmiert ist.
21:54
Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch unklar ist, ob das Blut, das im Garten gefunden wurde, tatsächlich von Carsten stammt, verdichten sich in diesem Moment die Hinweise auf ein mögliches Gewaltverbrechen. Die Spurenlage lässt die Ermittler und die Familie Schlimmstes befürchten.
22:10
Die Ermittler stellen sich nun die Frage, wer der geheimnisvolle Absender des Briefes ist, der Carsten wenige Monate zuvor auf den Friedhof gelockt hatte.
22:19
Die Kriminalpolizei wertet Carstens Handy aus und überprüft die Telefonnummer, die der Unbekannte genutzt hatte, um sich mit Carsten per Textnachricht auf dem Friedhof zu verabreden.
22:29
Schnell stellt sich heraus, dass die Nummer zu einer registrierten Prepaid-Karte gehört. Als Käufer dieser Karte ist ein Mann namens Victor A. eingetragen. Beim Kauf der Karte hatte er seinen Personalausweis zur Registrierung verwendet. Zunächst sieht also alles nach einer eindeutigen Spur aus. Doch schon bald zeigt sich, dass hier etwas nicht stimmt. Denn dieser Mann, dieser Victor A., ist unter der Adresse, die im Personalausweis aufgeführt war, schon seit vielen Jahren nicht mehr gemeldet.
22:58
Kurz darauf folgt die nächste Überraschung. Weitere Ermittlungen ergeben nämlich, dass der angebliche Käufer der Karte, also Victor A., Deutschland bereits im Jahr 2017 verlassen hatte. Er ist ausgewandert und lebt seitdem im Ausland. Die Prepaid-Karte wurde aber im Herbst 2020 in Deutschland gekauft. Und das wirft nun die entscheidende Frage auf. Wie kann Victor A. die Prepaid-Karte gekauft haben, wenn er Deutschland bereits 2017 verlassen hat und seitdem im Ausland lebt? Und wie hätte er diesen Umschlag auf dem Friedhof deponieren können?
23:31
Also eins können wir mal feststellen. Nichts in diesem Cold Case macht bisher irgendeinen Sinn oder fügt sich irgendwie zusammen.
23:39
Also ich möchte sagen, es ist wirklich mysteriös und total rätselhaft.
23:43
Parallel erinnert sich einer der Söhne an den ungewöhnlichen Fund, den er einige Wochen zuvor im Garten gemacht hatte. Damals hat er einen Metallpfeil entdeckt und aufgehoben, ohne ihm zunächst eine besondere Bedeutung beizumessen. Nun übergibt er diesen Pfeil den Ermittlern. Es ist ein Pfeil aus Metall. Die Ermittler erkennen sofort, dass es sich um einen Jagdpfeil für eine sogenannte Pistolenarmbrust handelt. Eine Pistolenarmbrust ist eine kleine handliche Armbrust.
24:14
Sie verschießt kurze Metallpfeile mit sehr hoher Geschwindigkeit. Obwohl sie deutlich kleiner ist als eine normale Armbrust, kann sie schwere und sogar lebensgefährliche Verletzungen verursachen.
24:27
So eine Pistolenarmbrust, die wird vor allem im Schießsport eingesetzt oder auch privat zum Schießen auf Zielscheiben.
24:33
Kann der Sohn sich denn noch genau daran erinnern, wann er den Pfeil im Garten gefunden hat?
24:38
Er weiß das noch ganz genau. Er hatte den Pfeil nur zwei Tage nach dem rätselhaften Vorfall mit den Gartenmöbeln gefunden. Ja.
24:46
Also dieser zeitliche Zusammenhang wirft natürlich neue Fragen auf. Die Ermittler schließen nicht aus, dass Carsten so, also mit dem Durcheinander auf seiner Terrasse, hinausgelockt werden sollte. Vielleicht hatte jemand die Absicht, ihn dort draußen dann mit der Armbrust zu verletzen oder sogar zu töten.
25:05
Aber Carsten hat sie an diesem Tag offensichtlich eilig gehabt, deshalb ist er nicht hinaus in den Garten gegangen. Stimmt. Er ist ja nach Hannover gefahren und hat seine Frau und seine Söhne mit einer Textnachricht über den Zustand der Terrasse informiert.
25:18
Vielleicht hat ihm dieser Moment da jedenfalls das Leben gerettet.
25:23
Inzwischen liegen auch die Ergebnisse der forensischen Untersuchung vor. Das Blut im Garten stammt von Carsten. Damit gilt als gesichert, dass er an diesem Ort, also in seinem eigenen Garten, zumindest erheblich verletzt worden sein muss. Eine solche Verletzung kann für Carsten besonders gefährlich sein. Er nimmt aufgrund einer Herzkrankheit blutverdünnende Medikamente ein. Und das bedeutet, dass seine Blutgeringung deutlich eingeschränkt ist und selbst kleinere Wunden zu einem langanhaltenden Blutverlust führen können.
25:57
Eine Verletzung, die für andere Menschen vielleicht weniger schwerwiegend wäre, kann bei ihm schnell lebensbedrohlich werden.
26:04
Für die Ermittler ergibt sich nun ein beunruhigendes Bild. Denn Carsten tatsächlich im Garten verletzt wurde, könnte selbst eine vergleichsweise leichte Verletzung für ihn lebensgefährlich sein.
26:16
Am folgenden Tag geht die Polizei mit dem Fall an die Öffentlichkeit. Über Suchplakate, Pressemitteilungen und soziale Medien wird nach Carsten gesucht.
26:25
Die Ermittler hoffen, dass sich Menschen melden, die ihn gesehen haben oder Hinweise zu seinem möglichen Aufenthaltsort geben können.
26:32
Auch der blaue VW Caddy der Familie wird zur Fahndung ausgeschrieben.
26:36
Am Morgen von Carstens Verschwinden muss der Wagen noch vor dem Haus der Familie gestanden haben. Denn einer der Söhne hatte ja gehört, wie die Tür zugeschlagen wurde.
26:45
Und der Sohn ist sich ganz sicher, dass es die Tür von Carstens Wagen war. Denn das Geräusch dieser Tür, das kannte er ganz genau.
26:52
Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich glaube, das kennt jeder so ein bisschen. Man kennt einfach seine Umgebungsgeräusche, die sich immer wiederholen. Die kann man wirklich auch verbindlich zuordnen.
27:02
Am 16. April, also drei Tage nach Carstens Verschwinden, meldet sich ein Zeuge bei der Polizei. Es ist ein junger Mann. Er hat den blauen VW Caddy von Carsten entdeckt. Der Wagen soll auf dem Messegelände in Hannover stehen, rund 80 Kilometer von Carstens Wohnort entfernt.
27:21
Und tatsächlich finden die Ermittler den VW Caddy auf dem Messegelände in Hannover, an der Straße Boulevard der EU, direkt gegenüber des holländischen Pavillons.
27:31
Der Zeuge gibt an, dass er zwar oft seine Mittagspause hier verbringt, er kann aber leider nicht mehr verbindlich sagen, seit wann der Wagen sich hier befindet.
27:39
Der VW Caddy von Carsten scheint ordnungsgemäß abgestellt und verschlossen worden zu sein. Den Ermittlern fallen außen am Lack leichte Verschmutzungen auf, die eventuell auf Blut hindeuten könnten. Dann öffnen sie das Fahrzeug. Alles wirkt soweit unauffällig, sauber und aufgeräumt. Der Innenraum ist leer. Nur der Rucksack von Carstens Sohn befindet sich noch im Fahrzeug.
28:04
Der Wagen wird sichergestellt und von der Kriminaltechnik untersucht. Dabei setzen die Ermittler unter anderem Luminol ein. Diese spezielle Chemikalie reagiert mit kleinsten Spuren von Blut, auch wenn diese nicht mehr mit bloßem Auge zu erkennen sind, weil beispielsweise eine Fläche zuvor gereinigt worden ist. Sprühen die Ermittler Luminol auf eine verdächtige Stelle, leuchtet diese Stelle bläulich auf, sofern sich dort zuvor Blut befunden hat. Und diese Methode liefert den Ermittlern wichtige Hinweise darauf, was in dem Fahrzeug passiert sein könnte.
28:37
Obwohl der Innenraum des Fahrzeugs zuvor offenbar gereinigt worden war, zeigen die Ergebnisse der Untersuchung ein ganz deutliches Bild. Mithilfe des eingesetzten Verfahrens werden im Wagen Spuren von Blut festgestellt. Vor allem auf der Rücksitzbank lassen sich erhebliche Mengen nachweisen.
28:55
Ein anschließender Abgleich im Labor bestätigt, dass dieses Blut eindeutig von Carsten stammt. Carsten war also in diesem Wagen und er war schwer verletzt. Er saß nicht am Steuer, jemand anderes musste das Fahrzeug die 80 Kilometer von seinem Wohnort bis zum Messegelände nach Hannover gefahren haben.
29:15
Die Auswertung der Spuren lässt für die Ermittler nur noch einen Schluss zu. Nach ihrer Auffassung hat Carsten so viel Blut verloren, dass er wahrscheinlich nicht überlebt hat. Alles spricht dafür, dass Carsten einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist.
29:31
Weißt du, was ich wirklich auch krass finde an dieser ganzen Entwicklung? Diese Dynamik, die das an irgendeinem Punkt angenommen hat. Also wir haben ja am Anfang gesprochen, hier kommt mir vor wie ein Kinderscherz, total inszeniert alles.
29:46
Der Friedhof, die Gartenmöbel, die plötzlich wieder an ihrem Platz stehen.
29:49
Also ich hätte schon fast gesagt lächerlich oder maximal noch irgendwie so ein abgedrehter Nachbar, der ein Problem mit der Familie hat und die so...
29:58
weg ekeln will. Und plötzlich nimmt es sofort auf und wird so dramatisch und da ist gar nichts mehr von makabren Scherzen, sondern wir reden hier vom Gewaltverbrechen.
30:09
Ja, genau. Und mit dieser Einschätzung, dass es sich um ein Verbrechen handelt, verändert sich der Fall grundlegend. Aus der Suche nach einem Vermissten wird nun eine Mordermittlung. Deshalb richtet die Polizei die Mordkommission Fortuna ein. Ein speziell zusammengestelltes Team aus erfahrenen Ermittlern übernimmt von diesem Zeitpunkt an den Fall. Ihre Aufgabe ist es, den mutmaßlichen Tathergang zu rekonstruieren, den Täter zu identifizieren und Carstens Leiche zu finden.
30:39
In den folgenden Tagen gehen weitere Hinweise aus der Bevölkerung bei den Ermittlern ein. Einer dieser Hinweise führt schließlich zu einer groß angelegten Suchaktion südlich von Altenau im Harz. Mehrere Waldgebiete entlang der Bundesstraße 242 werden von Ermittlern, der Bereitschaftspolizei, Spürhunden und weiteren Suchkräften systematisch überprüft. Die Hoffnung ist groß, Carstens Leiche oder zumindest wichtige Spuren zu finden.
31:10
Doch das Gelände stellt die Einsatzkräfte vor große Herausforderungen. Dichtes Gestrüpp und schwer zugängliche Bereiche erschweren die Suche erheblich. Stundenlang wird das Gebiet abgesucht, ohne Erfolg. Aber das muss ja ein ernstzunehmender Hinweis gewesen sein.
31:27
Ja, man muss sagen, es kommen mehrere Hinweise ein und die Suchtrupps sind eigentlich die ganze Zeit unterwegs in verschiedenen Bereichen.
31:36
Die Nachbarn von Carsten, die sind schon von den Ermittlern kurz nach seinem Verschwinden befragt worden. Doch niemand hatte an dem Morgen des 13. April, also dem Tag, an dem Carsten wahrscheinlich frühmorgens in seinem Garten überfallen und verletzt worden war, irgendetwas Auffälliges beobachtet. Doch nun meldet sich eine Frau, die einige Straßen weiter wohnt. Sie ist also keine unmittelbare Nachbarin von Carsten.
32:00
Sie hat am Morgen des 13. April gegen 4.30 Uhr aus ihrem Fenster geschaut. Und dabei sind ihr zwei Wagen auf der Straße vor ihrem Haus aufgefallen, die hintereinander geparkt hatten und die sie hier noch nie zuvor gesehen hatte. Ein Mann lief zwischen den Fahrzeugen umher. Das eine Fahrzeug könnte der Caddy von Carsten gewesen sein. Das andere Auto war ein schwarzer Kleinwagen, vielleicht ein Fiat. Um 5.30 Uhr sei der Caddy weggefahren. Der Fiat blieb am Straßenrand stehen.
32:29
Als die Frau am frühen Vormittag aus dem Haus ging, stand der Fiat immer noch da. Aber als sie gegen Mittag wieder nach Hause kam, war der Fiat verschwunden.
32:38
Auch ihre Tochter und eine weitere Nachbarin bestätigen jetzt, dass ein schwarzer Fiat, es war ein Fiat 500, am Vormittag des 13. April in ihrer Straße stand.
32:49
Ich finde es immer wieder erstaunlich, was Menschen alles beobachten und woran sie sich erinnern können. Das ist natürlich, wenn du in so einem gewohnten, wir haben über die Geräusche gesprochen, in so einem gewohnten Umfeld bist. Ich überlege auch bei uns vorm Hausparken auch immer, Dieselben Autos. Wahrscheinlich würde mir das auch auffallen, wenn da ein anderes Auto, ich glaube es kommt immer aufs Wohnumfeld ein bisschen an. Der Caddy von Carsten war also in dieser Straße kurz abgestellt gewesen und ein Mann war zwischen diesem Fiat und dem Caddy hin und her gelaufen und dann wohl gegen halb sechs losgefahren.
33:28
Und die Frau erinnert sich jetzt nicht nur an das Fahrzeug selbst, sie hat auch noch das Kennzeichen des Fiats im Gedächtnis. Und die Polizei überprüft diesen Hinweis. Zunächst führt die Spur jedoch zu keinem Treffer. Ein schwarzer Fiat 500 mit den genannten Kennzeichenteilen ist in den Daten der Zulassungsstellen nicht zu finden. Doch als die Ermittler die Kombination der Buchstaben und Zahlen leicht abändern, werden sie fündig. Die Zeugin hatte sich nur in der Reihenfolge der Zeichen geirrt.
34:01
Wahnsinn, oder?
34:02
Die kann sich an so ein kleines Detail erinnern. Also da wäre ich definitiv raus, wenn es ums Kennzeichen ging. Auch wenn da ein Dreher drin war, reicht diese Information jetzt aus, um die Kriminalpolizei auf die richtige Spur zu bringen.
34:17
Genau, und diese Spur führt die Ermittler jetzt zu einer Autovermietung.
34:22
Auf die ist der schwarze Fiat 500 mit dem leicht abweichenden Kennzeichen nämlich zugelassen. Und dort stellt sich heraus, dass das Fahrzeug vom 10. bis zum 13. April tatsächlich vermietet war.
34:33
Und dementsprechend wird nun überprüft, wer den Wagen in diesem Zeitraum angemietet hatte.
34:41
Und was sie nun erfahren, ist unglaublich. Als Mieter des Fahrzeugs ist Carstens bester Freund Martin eingetragen.
34:50
Also Martin, der am Abend des 13. April, also dem Tag, als Carsten verschwunden ist, vor der Tür stand, weil er angeblich mit Carsten verabredet war. Und er hat ja behauptet, er sei zum Abendessen gekommen, um die Steuererklärung zu machen.
35:05
Und Martin ist nicht nur Carstens bester Freund, er ist auch ein ganz enger Vertrauter der ganzen Familie. Und jetzt ist er der Mieter des schwarzen Fiats, der in der Tatnacht in der Nähe von Carstens Haus abgestellt war.
35:21
Für die Angehörigen ist das ein Schlag und wir können das kaum fassen, denn ausgerechnet der Freund, dem sie seit dem Verschwinden von Carsten voll vertraut haben und der sie in dieser schwierigen Zeit unterstützt hat, der gerät nun in den Fokus der Ermittlungen.
35:35
Nun also steht fest, dass Martin den schwarzen Fiat 500, der zum Zeitpunkt von Carstens Verschwinden nur wenige Straßen vor seinem Haus entfernt abgestellt worden war, angemietet hatte. Doch die Ermittler wollen noch mehr wissen. War das Martins einzige Anmietung bei diesem Autoverleih? Ein Blick in die Kundendatei ergibt, Martin G. hatte bereits in den Monaten zuvor mehrfach Fahrzeuge bei diesem Autoverleih gemietet. Und zwar einen Fiat 500 an dem Tag, als Carsten zu dem geheimnisvollen Treffen auf dem Friedhof gelockt wurde, bei dem er den leeren Briefumschlag gefunden hatte.
36:12
Und dann einen Fiat Tipo an dem Tag, als Carsten morgens die umgeworfenen Gartenmöbel auf der Terrasse entdeckte. Und eben jenen schwarzen Fiat 500 am Tag von Carstens Verschwinden.
36:27
Und das macht es natürlich hoch unwahrscheinlich, dass diese Anmietungen verschiedener Fahrzeuge nicht jeweils im Zusammenhang mit dem Friedhof, mit dem Vorfall, mit den Terrassenmöbeln und eben Carstens Verschwinden stehen. Denn eins müssen wir dazu sagen, Martin besitzt ein eigenes Auto. Also warum mietet er immer wieder Kleinwagen an, obwohl er gar kein Fahrzeug benötigt? Tja, das ist die entscheidende Frage. Und damit liegt der Fokus der Ermittlungen jetzt ganz klar auf Martin.
36:58
Wer ist der Mann, dieser Martin, der ja seit Jahren zum engsten Umfeld der Familie gehört?
37:05
Martin ist schon seit vielen Jahren mit Carsten und seiner Familie befreundet. Er ist Polizist und zwar Bundespolizist. Die Bundespolizei ist unter anderem für die Sicherheit an Flughäfen und Bahnhöfen sowie für den Schutz der deutschen Grenzen zuständig. Zu ihren Aufgaben gehören beispielsweise Passkontrollen, die Überwachung des Bahnverkehrs und die Unterstützung bei größeren Polizeieinsätzen. Und Martin, der arbeitet an den Flughäfen Braunschweig-Wolfsburg und Hannover und ist dort unter anderem für die Passkontrollen zuständig.
37:37
Der Verdacht gegen Martin G. wiegt inzwischen schwer. Es geht um ein mögliches Tötungsdelikt. Die Polizei wertet nun die Handydaten von Martin aus. Dabei greifen sie auf sogenannte Funkzellendaten zurück. Die zeigen, welche Mobiltelefone sich zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einem Funkmast verbunden haben.
37:56
Und diese Auswertung ergibt, Martins Handy war am Tag von Carstens Verschwinden auf dem Messegelände in Hannover in das Mobilfunknetz eingeloggt.
38:06
Also genau dort, wo der Wagen von Carsten gefunden worden war, der blaue VW Caddy.
38:11
Ganz genau. Und von dort aus hat Martin G. ein Taxiunternehmen angerufen. Und daraus schließen die Ermittler, dass sich Martin G. vermutlich vor Ort ein Taxi bestellt hat, um das Messegelände zu verlassen.
38:24
Der konkrete Fahrer dieses Taxis kann zwar nicht mehr ermittelt werden, doch der Ablauf lässt sich mithilfe der Aufzeichnungen der Taxizentrale rekonstruieren. Demnach fuhr Martin mit einem Taxi vom Messegelände in Hannover zum Hauptbahnhof. Dort stieg er vermutlich in einen Zug, denn etwa zwei Stunden später wurde erneut eine Aktivität seines Mobiltelefons registriert, diesmal in Salzgitter Ringelheim. Auch hier in Salzgitter rief Martin erneut ein Taxiunternehmen an.
38:54
Und das bedeutet, Martin ist am Tag von Carstens Verschwinden mit dem Taxi vom Messegelände in Hannover, wo er den VW Caddy abgestellt hatte, zum Hauptbahnhof gefahren. Dort hat er wahrscheinlich die Bahn nach Salzgitter genommen und dann hat er sich dort wieder mit seinem Handy ein Taxi bestellt.
39:13
Ganz genau. Und für diese zweite Taxifahrt kann die Mordkommission auch den Fahrer ermitteln. Allerdings fand die Fahrt während der Corona-Zeit statt, als noch Maskenpflicht galt. Sowohl der Taxifahrt Der Taxifahrer konnte das Gesicht seines Fahrgastes nicht erkennen und er kann ihn deshalb jetzt auch nicht eindeutig identifizieren.
39:34
So, und jetzt liegt natürlich nahe, dieses zweite Taxi hat er sich dann genommen, um letztendlich wieder zurück sozusagen zum Ausgangspunkt zu gelangen, nämlich zu seinem angemieteten Fiat 500, der logischerweise dort immer noch stand seit dem Verschwinden von Carsten.
39:51
Genauso ist es auch. Diese zweite Taxifahrt führte in den Wohnort von Carsten und seiner Familie zurück, und zwar genau in die Straße, in der die Dame wohnte, die sich das Fahrzeugmodell und das Kennzeichen von Martins Mietwagen gemerkt hatte.
40:03
Naja, und das zeigt ja auch das vorsätzliche Vorgehen von ihm. Ich bringe ein gemietetes Auto mit, weil ich schon weiß, dass ich mein Opfer in seinem Auto irgendwo hin verbringen möchte – lege mir einen Plan zurecht, wie ich zu meinem Mietwagen zurückkomme, um dort dann wieder wegzufahren. Anonym, so denkt er, deswegen Mietwagen. Und deswegen gilt Martin G. zu diesem Zeitpunkt als Hauptverdächtiger. So bis dahin lässt sich das jetzt alles wasserdicht nachvollziehen und rekonstruieren.
40:40
Es sind aber noch viele entscheidende Punkte offen.
40:43
Punkt 1 mit der wichtigste, es gibt keine Leiche. Carsten wurde bisher nicht gefunden. Punkt 2, es ist noch völlig unklar, welches Motiv hier vorliegen könnte.
40:57
Und es ist auch noch nicht nachgewiesen, inwieweit Martin wirklich mit dieser Aktion, nenne ich es jetzt mal, am Friedhof zusammenhängt, ob er das wirklich auch war. Denn die Nummer dieses Prepaid-Handys lässt sich Martin nicht zuordnen.
41:12
Genau, denn diese Nummer, diese Prepaid-Karte, die ist ja auf eine ganz andere Person zugelassen, auf diesen Viktor A., der schon seit mehreren Jahren nicht mehr in Deutschland lebt.
41:23
Okay, das dröseln wir mal auf. Als die Ermittler Kontakt zu Viktor A. aufnehmen, stellt sich heraus, dass der vor einigen Monaten kurz in Hannover gewesen war. Er befand sich auf Durchreise und flog anschließend direkt wieder weiter.
41:39
Einige Tage später bemerkte er dann aber, dass er seinen Personalausweis irgendwo verloren haben muss. Er vermutete, dass ihm der Ausweis möglicherweise am Flughafen in Hannover abhandengekommen sein könnte und er fragte dort nach. Doch der Ausweis wurde dort nie gefunden.
41:58
Die Polizei überprüft nun die Dienstpläne des Flughafenpersonals für den Tag, an dem Viktor A. in Hannover seinen Personalausweis anscheinend verloren hatte. Und dabei machen sie eine überraschende Entdeckung. In genau diesem Zeitraum, in dem Viktor A. sich am Flughafen aufhielt, war zeitgleich auch Martin G. dort im Einsatz.
42:19
Also, das heißt, es wäre also möglich gewesen und es ist auch sehr wahrscheinlich, dass Martin den Personalausweis von diesem Viktor damals einfach an sich genommen hat. Damit hätte er dann genau über das Dokument verfügt, das später für die Registrierung dieser Pre-Pay-Karte verwendet wurde.
42:39
Und das würde bedeuten, die unbekannte Person, die den Brief unter Carstens Windschutzscheibe gelegt und anschließend per Handy mit ihm geschrieben hatte, Das könnte sein bester Freund Martin gewesen sein. Genau. Es bleibt aber auch die Frage nach der Tatwaffe. Carstens Sohn hatte ja im Garten den Pfeil einer Armbrust gefunden und die Ermittler haben ihn inzwischen untersuchen lassen und festgestellt, dieser Pfeil stammt von einer Firma in Österreich, dort ist er hergestellt worden. Die Mitarbeiter der Mordkommission nehmen Kontakt zu dieser Firma auf.
43:09
Und die Unterlagen des Unternehmens liefern den entscheidenden Hinweis. Denn dort ist vermerkt, dass Martin vor Carstens Verschwinden sowohl eine Pistolenarmbrust als auch mehrere Pfeile bestellt hatte.
43:20
Also da hat er nicht die Personalien von diesem Viktor benutzt?
43:24
Nein, er hat diese Pfeile und die Armbrust unter seinem eigenen Namen bestellt und er hat sie mit PayPal bezahlt und ließ dann alles zu sich nach Hause liefern, also an seine ganz normale Privatadresse.
43:35
Also dafür, dass er Polizist ja auch selber ist, finde ich, geht er an manchen Stellen sehr dilettantisch vor, oder?
43:43
Ja, also gerade diese Zusendung der Tatwaffe ist eigentlich riskant.
43:51
Ich sage es jetzt mal so locker, gewollt, aber nicht gekonnt. So ist es ein bisschen. Vieles ist jetzt wasserdicht verifiziert und ihm klar zuzuordnen. Aber der entscheidende Punkt ist immer noch, wo ist Carsten? Was genau ist mit ihm geschehen? Wo ist die Leiche?
44:10
Die Polizei durchsucht immer wieder die Umgebung. Dabei kommen auch Spürhunde und weitere Spezialkräfte zum Einsatz.
44:17
Die Beamten suchen systematisch nach weiteren Spuren und möglichen Beweismitteln und Hinweisen, aber von Carsten fehlt jede Spur.
44:25
Aber auch in Richtung eines möglichen Motivs fügen sich langsam die Mosaiksteinchen zusammen. Was die Mitarbeiter der Mordkommission bereits seit einiger Zeit wissen, Carstens Ehefrau hatte sehr lange vor dem Verschwinden ihres Mannes tatsächlich eine kurze Affäre mit dessen Freund Martin. Sie räumte diese Beziehung zu Beginn der Ermittlungen ein.
44:50
Sie berichtet unter anderem, dass sie nach der Beendigung der Affäre mit Martin von ihm aber über längere Zeit unter Druck gesetzt worden sein soll. Also auch nachdem sie die Affäre beendet hatte. Martin hatte sie immer wieder bedrängt und ihr gesagt, dass er mit ihr zusammenleben möchte.
45:09
Aber sie hat ihn wohl ständig zurückgewiesen und sie hat Martin klargemacht, so sagt sie, dass diese Affäre für sie beendet war und dass sie bei ihrem Mann und ihrer Familie bleiben wollte. Sie hatte nie die Absicht, sich von ihrem Mann zu trennen und so hat sie das wohl auch Martin gesagt.
45:27
Jetzt steht als Tatmotiv Eifersucht im Raum. Die Ermittler der Mordkommission und auch die Staatsanwaltschaft vermuten jetzt, dass Martin seinen Freund Carsten aus dem Weg schaffen wollte, um seinen Platz in dessen Familie einzunehmen.
45:41
Nachdem die Affäre beendet war und Carstens Ehefrau Martin mehrfach deutlich zu verstehen gegeben hat, dass sie ihre Ehe nicht aufgeben werde, so erklärt man sich das, könnte sich bei Martin das Gefühl verfestigt haben, dass es für seine Wünsche nur ein Hindernis gibt, nämlich Carsten. Aus dem engen Freund wurde dadurch in seiner Vorstellung sozusagen der Rivale, der seinem Lebensentwurf im Weg stand.
46:07
Aber das ist völlig verrückt, denn dann wären hier Wunsch und Wirklichkeit ja total auseinandergedriftet. Denn Carstens Ehefrau wollte ja bei Carsten bleiben. Es war ihre Entscheidung.
46:18
Ich finde aber ein bisschen, dass diese Erklärung auch zu diesem verrückten Handeln passt. Also zum Teil finde ich das einfach nicht mehr sehr rational, was sie gemacht hat. Nicht nachvollziehbar. Weiß ich nicht, weißt du? Eher wie so ein Teenager, so ein liebeskranker Teenager oder so. Ich meine jetzt den Anfang der Geschichte auch. Also so ein bisschen fast verzweifelt und nicht wie ich mir vorstelle, wie ein gestandener Polizist handeln würde, auch selbst wenn er etwas Negatives plant.
46:51
Also Der hat sich da total fanatisch verramt, glaube ich, in etwas.
46:58
Zumindest konnte er das klare Nein von Carstens Ehefrauen nicht akzeptieren.
47:03
Genau und hat dann einfach die Verantwortung auf den Ehemann, also auf seinen Freund Carsten übertragen. Da sind wir wieder bei so einem klassischen Thema und auch einer klassischen Motivation bei solchen Verbrechen, nämlich Kränkung und Ablehnung und die konnte er nicht hinnehmen.
47:22
Ja, nach Carstens Verschwinden hat sich Martin auch auffallend intensiv um dessen Familie gekümmert. Er war fast täglich zu Besuch und er hat alle in ihrem Alltag und ihrer Sorge, in ihrer Trauer und in ihrer Angst begleitet.
47:33
Naja, so hat es nach außen gewirkt. Auf Deutsch gesagt, wollte er sich da reinzecken. Also ich glaube nicht, dass der begleiten wollte, der wollte diesen Platz einnehmen.
47:42
Und aus Sicht der Ermittler könnte dieses Verhalten noch einen ganz anderen Zweck gehabt haben. So ist er ja stets über den Stand der Suche und der Ermittlung informiert und hat vielleicht versucht auch da irgendwie dadurch Einfluss auf die Familie zu nehmen oder auch auf das, was sie so aussagen und so.
47:59
Knapp vier Wochen nach Carstens Verschwinden am 18. Mai 2021 beginnen nun weitere umfangreiche Durchsuchungsmaßnahmen. Die Ermittler überprüfen nämlich jetzt Martins Büro am Flughafen. Und dort stoßen sie auf einen entscheidenden Hinweis, der den Verdacht gegen Martin weiter erhärtet.
48:18
Auf seinem Dienstrechner finden Sie nämlich ein Dokument und das ist genau der Brief, den Carsten im November des Jahres zuvor unter seinem Scheibenwischer gefunden hat. Der anonyme Verfasser war also Martin G.
48:30
Genau, und die Polizei kann dann auch herausfinden, dass er diesen Brief auch im Büro ausgedruckt hat. Also mit dem Drucker der Bundespolizei. Wie sicher muss der sich gefühlt haben? Ja, das ist unglaublich. Weißt du, was ich auch die ganze Zeit so im Kopf habe bei dieser Geschichte? Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber...
48:49
Gerade an einen Polizisten habe ich so einen ganz besonders hohen moralischen Anspruch. Für mich ist der Polizist dein Freund und Helfer. Und das nehme ich sehr, sehr ernst. Und wenn ein Polizist etwas Böses tut, finde ich es besonders verwerflich.
49:08
Das stimmt total. Es gibt so Berufsgruppen, da hat man das. Denen vertraut man einfach oder will ihnen vertrauen.
49:13
Genau.
49:15
Für die Staatsanwaltschaft Braunschweig haben sich die bisherigen Ermittlungsergebnisse nun zu einem dringenden Tatverdacht wegen Mordes verdichtet. Deshalb beantragt sie den Erlass eines Haftbefehls gegen Martin G. Der zuständige Haftrichter folgt diesem Antrag und Martin wird in Untersuchungshaft genommen.
49:33
Martin steht also unter dringendem Verdacht, seinen Freund Carsten getötet zu haben. Er weist jedoch alle Vorwürfe zurück und bestreitet etwas mit Carstens Verschwinden oder mit seinem Tod zu tun zu haben.
49:44
Für die Mitarbeiter der Mordkommission beginnt damit eine schwierige Phase. Es gibt zwar viele Hinweise, die den Verdacht gegen Martin erhärten, doch eine wichtige Grundlage für den weiteren Verlauf der Ermittlungen fehlt. Carstens Leiche wurde bislang nicht gefunden. Doch dann stoßen die Ermittler auf eine Spur, die alles verändert. Eine Entdeckung, die neue Rätsel aufgibt und die den Fall erneut in Bewegung bringt.
50:09
Bei der Auswertung von Rechnungen, Kaufbelegen und anderen Unterlagen entdecken die Beamten der Mordkommission, dass Martin G. kurz nach Carstens Verschwinden mehrere ungewöhnliche Einkäufe getätigt hat.
50:21
Martin G. erwarb am 20. April in einem Baumarkt zwei Rasengitterplatten aus Beton. Diese waren jeweils 60 x 40 cm groß und sehr schwer. Solche Platten werden normalerweise verwendet, um Flächen zu befestigen, zum Beispiel Zufahrten, Wege oder Stellplätze.
50:40
Außerdem besorgte er sich acht Baustahlmatten. Diese über zwei Meter langen und einen Meter breiten Stahlgitter werden normalerweise im Bau eingesetzt. Für die Ermittler war besonders auffällig, dass Martin G. diese Materialien kaufte, obwohl in seinem Umfeld kein Bauprojekt bekannt war, für das sie benötigt worden wären.
51:01
Für den Transport der sperrigen Baustahlmatten mietete Martin G. einen großen Transporter. Wohin er das Material brachte und wofür er es genau verwendete, blieb aber unklar. Zehn Tage später, am 30. April, kaufte Martin G. zusätzlich noch acht Bauzaunelemente.
51:20
Solche Bauzäune werden normalerweise genutzt, um Baustellen oder Grundstücke abzusperren. Die einzelnen Elemente werden miteinander verbunden und bilden so eine stabile Absperrung. Mit den acht Zaunelementen hätte Martin G. eine Absperrung von etwa 28 Meter Länge errichten können. Damit wäre es möglich gewesen, eine Fläche von ungefähr 50 Quadratmetern einzuzäunen. 50 Quadratmeter entsprechen der Größe einer kleinen Zweizimmerwohnung oder einem Bereich, auf dem etwa vier Autos nebeneinander Platz hätten.
51:54
Die eingezäunte Fläche wäre damit nicht klein, sondern deutlich sichtbar gewesen.
51:59
Für diese Einkäufe finden die Ermittler keine nachvollziehbare Erklärung. In Martins Umfeld war keine Baustelle oder ein Bauprojekt bekannt, für das diese Gegenstände benötigt worden wären. Auch bei der Durchsuchung seines Hauses finden die Ermittler die gekauften Materialien nicht. Sie sind verschwunden.
52:19
Deshalb wendet sich die Polizei am 11. Juni, also zwei Monate nach Carstens Verschwinden, erneut an die Bevölkerung. Über die Medien bittet die Mordkommission um Hinweise. Wem ist im Zeitraum zwischen dem 30. April und dem 17. Mai eine Baustellenabsicherung aufgefallen, hinter der keine Arbeiten stattfinden?
52:43
Wer hatte eine eingezäunte Fläche gesehen, die offenbar nur als Absperrung diente? Doch es geht kein Hinweis ein. Niemand meldet eine solch auffällige Absperrung. Für die Ermittler bleibt damit die Frage offen. Wo hat Martin G. die Materialien eingesetzt und was ist mit ihnen passiert?
53:07
Diese Baumaterialien, die sind bis heute nie gefunden worden. Und viele Spaziergänger haben solche Absperrungen entdeckt und gemeldet, aber keine davon hat sich Martin G. zuordnen lassen.
53:18
Es gibt halt diese eine Waagespur, denn für den Transport hatte er sich ja zunächst einen Transporter und später dann auch noch einen Anhänger angemietet.
53:27
Genau, und bei der Überprüfung des Kilometerstandes im Transporter stellten die Ermittler fest, dass Martin G. mit dem Fahrzeug offenbar keine so große Entfernung zurückgelegt hatte. Nach den bisherigen Berechnungen der Ermittler kann der Transporter höchstens in einem Umkreis von etwa 80 Kilometern rund um Goslar unterwegs gewesen sein.
53:46
Und die Polizei ist sich sicher, und das finde ich nachvollziehbar, dass diese gekauften Baumaterialien mit dem Verschwinden der Leiche im Zusammenhang stehen. Beweisen können sie das einfach nicht, denn diese Materialien wurden bis heute nicht gefunden und auch Carstens Leiche wurde bis heute nicht gefunden.
54:06
Am 31. August 2021 beginnt vor dem Landgericht Braunschweig der Prozess gegen Martin G. Obwohl Carstens Leiche immer noch nicht gefunden wurde, erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes. Sie wirft Martin G. heimtückischen Mord aus niedrigen Beweggründen vor. Vor Gericht wird der mögliche Tatablauf vorgestellt. Nach Überzeugung der Ermittler stand Carsten an diesem Morgen, an dem 13. April 2020, gegen 4 Uhr morgens auf, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Etwa zur gleichen Zeit soll Martin bereits am Haus gewartet haben.
54:40
Gegen 4.30 Uhr soll er Carsten auf der Terrasse getötet und anschließend dessen Leiche abtransportiert haben. Bis heute ist jedoch unklar, wohin er sie gebracht hat.
54:51
Für das Gericht ist dieser Fall eine besondere Herausforderung, denn es handelt sich um einen Mord ohne Leiche oder etwas juristischer, um einen Mord ohne Leichenfund. Es gibt kein Geständnis des Angeklagten. Es gibt keine Augenzeugen, die die Tag gesehen oder etwas gehört haben. Und es fehlt der Beweis, dass Carsten tatsächlich nicht mehr am Leben ist.
55:14
Deshalb muss das Gericht seine Entscheidung auf Grundlage der vorhandenen Indizien treffen und prüfen, ob sie in ihrer Gesamtheit ausreichen, um die Schuld des Angeklagten zu beweisen.
55:24
Aber die Indizien wiegen schwer und es gibt viele. Und im Prozess kommen weitere Punkte zur Sprache, die aus Sicht des Gerichts eine Rolle spielen. So wird bekannt, dass Martin G. für den Tag, an dem Carsten verschwunden ist, kein Alibi hatte. Gegenüber Carstens Familie hatte er zwar angegeben, an diesem Tag gearbeitet zu haben, tatsächlich hatte er jedoch dienstfrei. Das Gericht stellt außerdem fest, dass Martin G. im Verlauf der Ermittlungen einer Vorladung zur Zeugenaussage zunächst nicht gefolgt war. Er erschien erst nach einer entsprechenden Anordnung sowie einem Polizeieinsatz.
56:00
Auch die Tatsache, dass er eine DNA-Probe nicht freiwillig abgegeben hatte, wird im Verfahren thematisiert.
56:07
Nach 20 Verhandlungstagen fällt das Gericht sein Urteil. Nach rund einem halben Jahr Hauptverhandlung wird Martin G. am 31. Mai 2022 wegen Mordes und wegen der Unterschlagung und des Missbrauchs von Ausweispapieren zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Als Mordmerkmal erkennt das Gericht niedrige Beweggründe an. Nach Überzeugung des Gerichts handelte Martin G. aus einem besonders verwerflichen Motiv.
56:34
Bis heute sucht die Polizei nach der Leiche von Carsten M. Die Suche stellt die Ermittler weiterhin vor eine große Herausforderung. Wer die Gegend kennt, weiß, die Region rund um den Harz, die ist sehr weitläufig, stark bewaldet und teilweise auch schwer zugänglich.
56:51
Dadurch ergibt sich ein riesiges Suchgebiet, das nur mit großem Aufwand systematisch überprüft werden kann, wenn es überhaupt möglich ist. Und trotz umfangreicher Maßnahmen, darunter der Einsatz von Hubschraubern, die Durchsuchung von Höhlen sowie mehrere Suchaktionen mit Spürhunden und Einsatzkräften am Boden, blieb diese Suche nach einem möglichen Ablageort bislang ohne Erfolg.
57:18
Und Carstens Mörder schweigt, nur er weiß, wo sich die Leiche befindet und was in den Stunden nach Carstens Verschwinden tatsächlich geschehen ist. Doch bis heute gibt Martin G. auch darüber keine Auskunft. Auch das muss ich sagen, meine persönliche Meinung dazu, finde ich nochmal besonders verwerflich, dass nicht an irgendeinem Punkt...
57:44
auf dem Weg jetzt sowas wie Reue kommt oder wenigstens der Familie da Gewissheit zu geben, damit sie ihren geliebten Vater oder den Ehemann eben wenigstens begraben können.
57:58
Also sein Verhalten, wie es vor Gericht wohl auch beschrieben wurde, dass er wohl die ganze Zeit eiskalt war und auch keinerlei Reue gezeigt hat, das führt sich hier fort. Also ich denke, er will das einfach weiter verdrängen und deswegen kann er natürlich auch nicht zugeben, wo die Leiche ist.
58:19
Carstens Familie gibt aber nicht auf. Seine Ehefrau, seine Söhne und alle Verwandten wollen Gewissheit über sein Schicksal erlangen. Und gemeinsam mit Freunden, zahlreichen Freiwilligen und Unterstützern durchsuchen sie regelmäßig weiterhin das in Frage kommende Gebiet. Immer mit der Hoffnung, endlich eine Spur von Carsten zu entdecken.
58:40
Und wir möchten von hier aus der Familie alle guten Wünsche schicken und weiterhin viel Kraft.
58:50
Ja, Silvi, ein sehr ungewöhnlicher Cold Case, der schließlich zu einem Mordfall wird. Danke fürs Miterzählen und auch für die Vorrecherche.
59:00
Ich danke dir. Und wenn ihr uns noch etwas zu dem Fall schreiben wollt, dann könnt ihr das tun unter info at spurlospodcast.de und weitere Informationen findet ihr wie immer in den Shownotes.
59:11
Danke an euch fürs Zuhören. Bis ganz bald und passt aufeinander auf.